Unser Heer soll attraktiver werden

Mehr Krippen, mehr Komfort, weniger Hierarchien: Verteidigungsministerin von der Leyen will die Bundeswehr zu einem der attraktivsten Arbeitgeber der Republik machen. Kann das gelingen?

Von Amelie Buskotte, Rebecca Ciesielski und Andrea Eibl

 

Von der Decke bröckelt der Putz, die Gardinenleiste über dem Fenster hängt nur noch an der letzten Schraube und die geblümten Vorhänge haben auch schon bessere Zeiten erlebt. Abgesehen von den beiden jungen Männern in Uniform, erinnert das Ambiente an eine Jugendherberge aus den 70er Jahren. Denn in jeder Ecke des spärlich eingerichteten Zimmers steht ein Doppelstockbett und die Schranktüren der Spinde hängen aus den Angeln. In den Schlafräumen der Hochstaufen-Kaserne in Bad Reichenhall hat die Zeit ihre Spuren hinterlassen. Was es hier nicht gibt: Privatsphäre, Wohnlichkeit, W-Lan.

Die Bundeswehr ist ein Sanierungsfall – das hat auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen erkannt. Soldaten leben häufig nicht nur in maroden Unterkünften; sie müssen auch oft ihren Einsatzort wechseln, haben unflexible Arbeitszeiten und bewegen sich in starren Hierarchien. Mit der Attraktivitätsoffensive will von der Leyen die Bundeswehr zu einem der gefragtesten Arbeitgeber der Republik machen. Dafür will sie 100 Millionen Euro zusätzlich ausgeben. Um zu verstehen, wie ambitioniert dieses Projekt ist: 2013 waren nach eigenen Angaben 13 Prozent der Stellen bei der Bundeswehr unbesetzt. Und das, obwohl das Verteidigungsministerium schon seit Jahren gewaltige Summen in Werbung und Rekrutierung steckt. Beliebte Arbeitgeber haben das eigentlich nicht nötig.

 

 


Kasernen, wie die aus Bad Reichenhall, will von der Leyen nun modernisieren und den Soldaten weniger Ortswechsel zumuten. Weiter auf der Agenda der Ministerin: die Kinderbetreuung und Teilzeitarbeit. Schließlich muss die Freiwilligenarmee mit internationalen Unternehmen um die besten Fachkräfte wetteifern.

Der Bundeswehrverband, der die Interessen der Soldaten vertritt, ist skeptisch: „Die Reform ist ein guter Schritt, aber der Etat für Einzelmaßnahmen nicht ausreichend“, sagt ein Sprecher. Zusätzlich müssten die Altersversorgung überarbeitet, eine gesetzliche Arbeitszeitregelung eingeführt und Weiterbildungsmöglichkeiten geschaffen werden.

Ein Prestigeprojekt der Verteidigungsministerin ist der Ausbau der Kinderbetreuung. Bis 2019 sollen mehr als 100 Kindertagesstätten entstehen; das entspräche etwa 20 neuen Kitas pro Jahr. An der Bundeswehruniversität in Neubiberg bei München hat von der Leyen im Mai die erste Bundeswehr-Krippe eingeweiht. Seitdem toben dort 15 Kinder. Im Sportraum der Krippe „Campusküken“ schiebt der kleine Oskar Lena im Holzpuppenwagen über den orangefarbenen Boden. Die Kinder lassen sich beim Spielen nicht stören. An Pressebesuche sind sie längst gewöhnt. Seit der Eröffnung durch die Verteidigungsministerin ist die Krippe zum Inbegriff der neuen Bundeswehr geworden. Denn kaserneneigene Kitas können sich besser an die besonderen Arbeitszeiten der Soldaten anpassen. Die Krippe in Neubiberg ist allerdings kein Ergebnis der Offensive. Die Pläne stammen aus dem Jahr 2006. Damals hatte sich die Präsidentin der Universität für eine bessere Kinderbetreuung stark gemacht. Schon vor der Offensive haben Eltern und Soldaten an vielen Orten versucht, die Betreuungslücke zu schließen.

Die Bundeswehr hingegen tat sich lange schwer, in vielen Wirtschaftsunternehmen ist die Kinderbetreuung längst Standard. Auch deswegen ist sie im Wettbewerb um begehrte Fachkräfte abgehängt. „Diesen Vorsprung der Privatwirtschaft mit der Attraktivitätsoffensive einholen zu wollen, ist sehr schwer“, sagt Bundeswehrforscher Berthold Meyer von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Das deutsche Militär suche Spezialisten, die für technische Berufe ausgebildet sind. Das seien genau die Arbeitnehmer, um die auch internationale Unternehmen konkurrierten, sagt Meyer. Hinzu kämen mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten sowie die verhältnismäßig niedrigen Gehälter des öffentlichen Dienstes. „Es kommt nicht nur darauf an, wie attraktiv der Einstieg ist, sondern auch wie attraktiv der Ausstieg ist“, sagt Tobias Lindner, Verteidigungspolitiker der Grünen. Ein Soldat a.D., der mit Mitte vierzig ausscheidet, müsse ausreichend für den freien Arbeitsmarkt qualifiziert sein. Abseits der Rüstungsindustrie gelten Soldaten laut Personalvermittlern und Unternehmensberatungen oft als schwer vermittelbar. Das läge auch daran, dass die Karrierelaufbahn der Bundeswehr weit weg vom Leistungsprinzip der freien Wirtschaft sei.

Doch der Reform sind Grenzen gesetzt. Denn viele Probleme liegen in der Natur einer jeden Armee. Wer Soldat ist, muss damit rechnen, versetzt zu werden – auch ins Ausland. Das ist sehr schwer mit einer Familie vereinbar: „Die Kinderkrippe lässt sich nicht mit nach Afghanistan oder Mali nehmen“, sagt Ursula Münch, Politikwissenschaftlerin an der Bundeswehruniversität München. Und niemand kann garantieren, dass Eltern aus dem Einsatz unversehrt zurückkommen. Allein in Afghanistan sind bisher 55 deutsche Soldaten gefallen.

Für Hauptmann Johannes Schmid gehört die Gefahr dazu: „Ein Dachdecker kann vom Dach stürzen, ich kann mich im Einsatz verletzen oder sterben. Das ist mein Berufsrisiko, dafür habe ich mich bewusst entschieden.“ Schmid ist Presseoffizier der Hochstaufen-Kaserne. Er war selbst einige Zeit in Afghanistan stationiert. In sieben Monaten läuft sein Vertrag bei der Bundeswehr aus, dann will er aufhören. „Ich brauche einen Tapetenwechsel.“

Von der Attraktivitätsoffensive der Verteidigungsministerin wird er nichts mehr haben. Viele Änderungen sollen erst in drei bis vier Jahren umgesetzt werden. Solange gibt es in Bad Reichenhall weiter die alten Achtbett-Zimmer. Und statt Facebook Pinnwände auf den Fluren.

Fotos: Rebecca Ciesielski, Andrea Eibl


Heimatfronten

Die Wehrpflicht ist abgeschafft, das Motiv vom Bürger in Uniform verblasst:
Deutschland entfremdet sich von seiner Truppe – jetzt muss die Bundeswehr um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen.
Zum Editorial

Der Rückzug

Die Bundeswehr macht immer mehr Stützpunkte dicht. Das verändert nicht nur den Alltag in den Orten, sondern auch das Verhältnis zwischen Armee und Bevölkerung. Eine Spurensuche im bayerischen Hinterland.
Zur Reportage

Im Männerland

In der Bevölkerung gilt die Bundeswehr als Macholaden – in dem es alle schwer haben, die nicht männlich, weiß und hetero sind. Stimmt das? Frauen, Migranten und Homosexuelle berichten.
Zur Analyse

Darum haben wir uns verpflichtet

Jung, gut ausgebildet, Soldat: Jedes Jahr entscheiden sich Schulabgänger und Quereinsteiger für die Bundeswehr – und damit dafür, im Ernstfall zu töten. Aber warum eigentlich? Fünf von ihnen erzählen ihre Geschichte.
Zu den Protokollen

Das fünfte Gebot

Töten gehört zum Beruf des Soldaten. Doch sind Soldaten deshalb Mörder? Ein Militärseelsorger antwortet.
Zum Interview

Kameraden gesucht

Seit die Armee aus Freiwilligen besteht, muss die Bundeswehr um die Jugend werben. Das tut sie mit neuen Millionenetats – und fragwürdigen Mitteln.
Zur Analyse

Umkämpftes Gebiet

Die Bundeswehr darf im Inland zwar nicht eingesetzt werden. Trotzdem ist sie präsent. Doch wie viel Raum soll die Armee in der Gesellschaft einnehmen?
Zum Pro und Contra