Darum haben wir uns verpflichtet

Jung, gut ausgebildet, Soldat: Jedes Jahr entscheiden sich Schulabgänger und Quereinsteiger für die Bundeswehr – und damit dafür, im Ernstfall zu töten. Aber warum eigentlich?
Fünf von ihnen erzählen ihre Geschichte.

Von Amelie Buskotte und Fabienne Kinzelmann

 

Die Bundeswehr ist ein besonderer Arbeitsplatz. Hier gibt es die unterschiedlichsten Jobs, Mechaniker und Schlosser, Informatiker und Mediziner, Gebirgsjäger und Panzerfahrer. Sie alle genießen viele Vorteile: Einen sicheren Arbeitsplatz, eine gute Versorgung und ein ordentliches Gehalt. Sie alle entscheiden sich aber auch dafür, im Ernstfall ihr Leben für Deutschland zu riskieren.

Was bewegt junge Menschen, die Krieg nur aus den Nachrichten kennen, zu einer solchen Entscheidung? Fünf junge Soldaten und Soldatinnen erzählen hier ihre Geschichte. Weil sie alle der Bundeswehr ihre Verschwiegenheit versichern mussten, haben wir die meisten unserer Gesprächspartner anonymisiert. Mit * gekennzeichnete Personen wurden entsprechend verfremdet.


Illustrationen: Rie Pfeiffer

Simon* (22), studiert Zahnmedizin: „Der NC ist meine einzige Motivation.“

„In der Schule war ich superfaul. Bio fand ich aber immer geil: Wenn es um den menschlichen Körper ging, war ich voll dabei. Mit meinem Abi-Schnitt von 2,3 hatte ich aber keine Chance, Medizin oder Zahnmedizin zu studieren. Ich bin deswegen nach der Schule zu einem Wehrdienstberater und habe mich informiert. Bin aber zu spät gekommen, bewerben muss man sich schon ein Jahr vor Beginn. Also habe ich mich erstmal für Architektur eingeschrieben und mich nebenbei beim Bund für Zahnmedizin beworben. Nach einer Art Intelligenztest wurde ich zu einem dreitägigen Auswahlverfahren in Köln eingeladen. Meine Studientauglichkeit war eher mittelmäßig, aber als Offizier war ich wohl gut geeignet. Und damit war ich drin.

Über die Bundeswehr studieren auch Überflieger mit einem 1,0-Abitur. Für viele ist das Geld die Motivation: Im ersten Jahr waren es bei mir gut 1.500 Euro, jetzt im zweiten sogar schon 1.700. Klar leiste ich mir jetzt gerne eine großzügige Wohnung und gute Lebensmittel, finanziell hätten mich aber auch meine Eltern unterstützt. Mir ging es nur um den Numerus Clausus. Im Bewerbungsgespräch habe ich aber natürlich behauptet, ich wolle dem Vaterland dienen.

Nach einer dreimonatigen Grundausbildung – dafür ein Monat speziell für Sanitäter – ging es los. Die medizinischen Studiengänge studiert man immer an einer zivilen Uni, das finde ich gut. Ich habe gehört, dass an der Bundeswehr-Uni schon ein spezieller Ton herrscht. Trotzdem ist auch mein Studium mit Pflichten und Einschränkungen verbunden. Ein bis zweimal im Jahr muss ich zu sogenannten „Semestertreffen“ und einmal im Monat an meinem Standort antanzen – der Bund will sichergehen, dass ich problemlos durch mein Studium komme. Ein Semester Auszeit oder ins Ausland? Das geht nur mit strengen Auflagen, ich müsste nachweisen, dass ich dadurch kein Semester verliere. Das nervt mich schon ein bisschen.

Über den Berufseinstieg denke ich noch nicht nach, für uns Zahnmediziner ist das aber eh ziemlich entspannt. Bei Auslandseinsätzen müssen wir kaum aktiv raus. Insgesamt habe ich mich für 17 Jahre verpflichten müssen – bis ich fertig bin, bin ich schon locker 38. Danach kann ich mir gut vorstellen, weiter im Bundeswehrkrankenhaus zu arbeiten. Nebenbei könnte ich da auch Privatpatienten behandeln – und die ganze Praxisausstattung gegen eine geringe Gebühr nutzen.“

Julia* (29), Oberfeldwebel bei der Luftwaffe: „Mir war nach Veränderung.“

„Eigentlich wollte ich schon direkt nach der Schule zur Bundeswehr, aber meine Mama meinte, ich solle ‘erst was Gescheites’ lernen – im Nachhinein bin ich darüber sehr froh, denn mit ein bisschen mehr Selbstbewusstsein und Erfahrung im Leben kommt man beim Bund besser zurecht. Ich wurde erstmal Frisörin und habe dann mein erstes Kind bekommen. Danach habe ich den Meister gemacht und noch zwei, drei Jahre in dem Beruf gearbeitet. Mir war aber nach Veränderung und mein damaliger Mann, der Soldat ist, hat mich auch in dem Wunsch bestärkt.

Ich bin also zum Wehrdienstberater. Mit 25 sagt einem die Bundeswehr, was man noch werden kann. Der Wehrdienstberater wollte mich außerdem recht niedrig einstellen, ich habe aber darauf bestanden, gleich als Feldwebel einzusteigen – durch meinen Mann kannte ich mich ja aus und der Feldwebel entspricht der Meisterstufe. Tests und Auswahlgespräche habe ich ganz gut bestanden, nur im Sport hat es gehapert. Hart war außerdem das Gespräch mit dem Psychologen: ‘Angenommen, Sie sind im Auslandseinsatz und Ihnen kommt ein Kind mit Bombengürtel entgegen – was machen Sie?’ Ich habe keine Sekunde gezögert: ‘Erschießen.’ Denn das Kind könnte sonst meinen ganzen Zug töten. Trotzdem wurde ich mit der Frage konfrontiert, wie ich mir da – als Mutter – so sicher sein könne.

Ich wurde dann zur Luftbildauswerterin ausgebildet und konnte nach einer Weile im Norden wieder zurück in meine Heimat in Süddeutschland wechseln. Das hat wegen meiner Tochter und meinem neuen Mann geklappt. Die Bundeswehr ist aber noch nicht so familienfreundlich, wie unsere Verteidigungsministerin sie gerne hätte. Zum Beispiel habe ich jetzt noch mal Nachwuchs bekommen und würde gerne schnell wieder dienen – in Teilzeit, doch das ist offiziell erst nach vier Dienstjahren möglich.

Mir gefällt die Arbeit, ich fühle mich sehr wohl in meiner Einheit. Aber es macht mich traurig, dass ich durch meine Verpflichtung auch Freunde verloren haben. Sie wollten nichts mit einer Soldatin zu tun haben. Wir gucken oft neidisch nach Amerika, wo Soldaten gefeiert werden – hier traue ich mich nach der Arbeit in Uniform nicht mal in den Supermarkt.“

Jonas (26), ehemaliger Offiziersanwärter: „Ich war fasziniert.“

„Hubschrauber angucken, Panzer angucken: Das fand ich zu Schulzeiten alles ganz cool, immer wieder bin ich zu Informationstagen der Bundeswehr. Eigentlich wollte ich dann Navigationsoffizier  also Pilot  werden, aber da hatte ich mit meiner Brille keine Chance.

Ich war damals fasziniert von der Bundeswehr. Die machen ja auch gute Werbung, versprechen eine tolle Ausbildung, Abenteuer, ein kostenloses Studium, ehrenvolle Aufgaben, Technik und coole Leute. Ich habe an meinen Brüdern gesehen, wie die sich im Studium abrackern. Im Studium ein festes Einkommen zu haben, fand ich schon reizvoll. Ich musste mich dann entscheiden, ob ich direkt als Offiziersanwärter oder als Grundwehrdienstleistender einsteige. Als Grundwehrdienstleistender verdient man zwar weniger, kann sich aber ohne Probleme nach sechs Monaten noch mal umentscheiden. In meiner Familie war nie jemand bei der Bundeswehr und es waren 13 Jahre meines Lebens, die ich fest unterzeichnete. Deswegen habe ich mich für den Einstieg mit Widerrufsrecht entschieden.

Nach der Grundausbildung kam ich dann auf das Schulschiff der Marine, die Gorch Fock. Da war der Alltag noch mal härter. Wir mussten Wachen schieben, nur alle paar Tage konnte ich ein paar Stunden durchschlafen. Gefährlich war das Aufentern. Da musste ich auch Überhang klettern, mich an nassen Materialien festhalten – und das ohne Sicherung. Bis 20 Metern sollte jeder schaffen, ich habe mich aus Leichtsinn auch mal für die 50 Meter gemeldet. Das habe ich bitter bereut.

Immer öfter kamen mir Zweifel am ganzen System. Jeder ist ja unterschiedlich, die Bundeswehr sortiert aber stark nach dem Charakter. Die brauchen Leute, die sich noch nicht entwickelt haben, die noch nicht wissen, was Freiheit ist. Und auch richtige Freundschaften haben sich kaum entwickelt. Ehrlich gesagt, waren viele Idioten dabei. Die Gesellschaft sieht auch gar nicht den einzelnen Soldaten, sondern eben diese große Gruppe Idioten.

Endgültig vorbei war es für mich kurz nach der Gorch Fock. In einer Ausbildungseinheit wurde uns deutlich gemacht, mit was wir im Zweifelsfall in Kriegsgebieten konfrontiert wären: Autobomben, Selbstmordattentäter. Dass eben nicht alles Seemannsromantik ist und wir Marinesoldaten auch auf dem Land eingesetzt werden könnten.

Mittlerweile studiere ich eine Naturwissenschaft und bin glücklich über all die Freiheiten, die ich als normaler Student habe. An der Bundeswehr-Uni wollte ich damals VWL studieren. Die Bundeswehr prahlt damit, dass das Studium für die Zeit nach der Verpflichtung sei – aber wer nimmt dich denn mit über 30 Jahren, wenn du vorher noch nie in der Privatwirtschaft gearbeitet hast? Wenn ich mich heute an die Zeit beim Bund erinnere, bin ich mir sicher, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.“

Paul* (26), Medizinstudent und Sanitätsoffiziersanwärter: „Ich wollte ein Abenteuer erleben.“

„Ich habe mich ganz bewusst für die Bundeswehr entschieden und mich mit dem Medizinstudium für 17 Jahre verpflichten lassen. Ich wollte ein Abenteuer erleben. Direkt nach dem Abi 2009 war ich drei Monate lang in der Grundausbildung. Zuerst die ‘grüne Ausbildung’. Hier lernt man das, was viele im Kopf haben, wenn sie an die Bundeswehr denken: marschieren, Liegestütze machen und natürlich schießen. Danach war ich für eineinhalb Monate bei der Marine und sogar auf der Gorch Fock. Das war ziemlich cool.

Medizin studiere ich jetzt seit zehn Semestern. Allerdings nicht an einer Bundeswehruniversität, sondern zivil an der Universität Düsseldorf. Nach dem ersten Staatsexamen kam die Offiziersausbildung. Ich fühle mich gerade aber nicht wie ein Soldat. Ich gehe wie jeder andere Student zur Uni, esse in der Mensa und lerne für das zweite Staatsexamen. Dass ich irgendwann einmal als Arzt in Krisengebiete reisen und die Erstversorgung von verletzten Soldaten übernehmen muss, weiß ich. Aber das ist okay – schließlich war mir das vorher bewusst. Und jeden Auslandseinsatz müssen wir auch nicht annehmen. Es gibt schon die Möglichkeit, Nein zu sagen. Bei einer Verletzung oder Krankheit bin ich auch raus. Aber ich kann mir gut vorstellen, im Auslandseinsatz im direkten Kampfgeschehen zu arbeiten. Ich hab sogar Bock drauf.

Meine Freundin und ich versuchen, dieses Thema, so gut es geht, auszuklammern. Vor einem Auslandseinsatz hat sie Angst und auch die Perspektive, ständig den Standort wechseln zu müssen, ist nicht schön. Da müssen wir flexibel sein. Trotzdem finde ich das Konzept des häufigen Standortwechsels gut. Das macht die Bundeswehr aus und es bietet mir immer wieder neue Herausforderungen.

Die Bundeswehr ist ein sehr attraktiver Arbeitgeber. Schon jetzt als Student werde ich sehr gut bezahlt und ärztlich bestens versorgt. Hinzu kommen hervorragende Ausbildungsbedingungen, die man nicht überall hat. Das habe ich in meinen Praktika gemerkt, die ich vor allem in Bundeswehrkrankenhäusern absolviert habe. Das Klima dort ist viel besser als in vielen zivilen Krankenhäusern. Es gibt keinen Konkurrenzkampf der Assistenzärzte um den Chefarzt, man vertraut einander und jeder hat seinen Platz sicher.“

Lisa (24), Obergefreiter im Landeskommando Baden-Württemberg: „Ich fühle mich wohl.“

„Die Bundeswehr war definitiv nicht meine erste Wahl. Nachdem ich Anfang 2013 mein Lehramts-Studium mit den Fächern Biologie und Sport abgebrochen hatte, habe ich mich beworben. Eine Mannschaftskameradin vom Fußball ist Soldatin und hatte mir geraten, es einfach auszuprobieren. Ich wollte dann erstmal reinschnuppern und habe den freiwilligen Wehrdienst begonnen. Das war eine gute Entscheidung, denn ich fühle mich in dem System wohl.

Deswegen habe ich den Offiziersantrag gestellt und werde im Herbst mit der Laufbahn beginnen. An der Bundeswehr-Uni in Hamburg studiere ich dann Pädagogik. Ich hatte im Vorfeld schon ein paar Ängste. Die Trennung von meiner Familie – bis dahin hatte ich noch daheim gewohnt – hat mir Sorgen gemacht und auch bei den Auslandseinsätzen war ich mir nicht sicher, ob ich das kann. Das hat sich aber schnell relativiert. Mittlerweile genieße ich es, für mich zu sein. In der Ausbildung habe ich schon gelernt, dass der ganze Drill vor allem dafür da ist, mich zu schützen – wenn einer im Ernstfall nicht spurt, kann das ja lebensbedrohlich für die ganze Truppe sein.

Meine Familie war anfangs skeptisch, jetzt unterstützt sie mich aber. Meinen jetzigen Freund habe ich erst vor Kurzem kennengelernt, bisher war das alles kein Problem. Ich bin aber mal gespannt, wie es später wird – als Offizier kann es schließlich passieren, dass ich alle drei Jahre den Standort wechsle. Viele ehemalige Kommilitonen haben viel Hochachtung vor meinem Entschluss und sagen, sie könnten das nicht. Wenn ich sie mal treffe, wollen sie alles über mein Leben als Soldatin wissen.

Durch mein Sportstudium kenne ich meine persönlichen Grenzen und bin auch beim Leistungsmarsch im Wehrdienst gut zurechtgekommen. Ich habe mich aber über andere Kameradinnen geärgert, die einfach nach ein paar hundert Metern ihren Rucksack abgegeben haben – den mussten wir dann mitschleppen, obwohl wir selbst schwere Rucksäcke hatten. Ich habe schon das Gefühl, dass sich da die ein oder andere auf ihrem Status ‘Frau’ ausgeruht hat.“

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