Umkämpftes Gebiet

Die Bundeswehr darf im Inland zwar nicht eingesetzt werden. Trotzdem ist sie präsent. Doch wie viel Raum soll die Armee in der Gesellschaft einnehmen?

 Andrea Eibl meint, so wenig wie möglich, Lukas Fuhr will eine präsente Armee. Eine Kontroverse.

Andrea Eibl

Keine Ausweitung der Kampfzone!

Die Bundeswehr hat ein Problem: Sie ist ein Fremdkörper geworden. Spätestens seit Ende der Wehrpflicht fehlt den meisten Deutschen jeder Bezug zu ihrer Armee und den Soldaten. Schließlich sind diese heute rar im Freundeskreis – zumindest in der Generation der Mitte 20-Jährigen. Die Bundeswehr versucht dem entgegen zu steuern, salonfähig zu werden und vermehrt in den zivilen Bereich vorzudringen. Doch dort hat sie nichts zu suchen.

Erst kürzlich lobte die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann die Skepsis der Deutschen gegenüber Kriegseinsätzen. Diese Skepsis betrifft auch die Präsenz des Militärs im Alltag. Aus gutem Grund marschieren an Gedenktagen hierzulande keine Militärparaden auf, hinterlassen Militärflieger keine schwarz-rot-goldenen Streifen am Himmel – anders als zum Beispiel in Frankreich, wo ein Nationalfeiertag ohne Marseillaise und Parade auf den Champs-Élysées undenkbar wäre. Die Deutschen hingegen haben aus historischen Gründen und völlig zu Recht ein distanziertes Verhältnis zu ihrer Armee. Sie kennen die Gefahren, die eine ständige Militärpräsenz im Zivilen birgt und wollen bewaffneten Soldaten weder in Bahnhöfen noch auf dem Campus begegnen.

Gerade aus Bildungseinrichtungen sollte man die Bundeswehr fernhalten. Sie darf der Forschung nicht durch Gelder diktieren, was wissenswert ist. Universitäten sollten Erkenntnisse gewinnen, die der Sicherung des Friedens dienen. Deutlich mehr Hochschulen sollten sich mit der Zivilklausel dazu verpflichten, keine Forschung im Dienste der Rüstungsindustrie und des Militärs zu betreiben. Doch selbst wenn sich den knapp 20 Universitäten, die die Klausel bisher unterzeichnet haben, noch weitere anschließen, reicht das nicht. Auch aus den Schulen muss sich die Bundeswehr komplett zurückziehen. Dort müssen Friedens- und Sicherheitsfragen kritisch behandelt werden – ohne Unterrichtsmaterialien der Bundeswehr und Ausflüge in benachbarte Kasernen mit Schießübungen: Denn die Front ist kein Abenteuerspielplatz und Schießsimulatoren sind keine Spielkonsolen. Um dem Nachwuchsmangel entgegen zu wirken, buhlt die Bundeswehr immer mehr um die Gunst Minderjähriger. Sie lockt diese mit „Adventure-Camps“ nach Sardinien und tut dies mit Videos, in denen Waffen und Gewalt kaum mehr eine Rolle spielen.

Ein ähnlich verzerrtes Bild von der Bundeswehr versucht Ursula von der Leyen derzeit mit der Attraktivitätsoffensive zu zeichnen. Es ist das Bild der Armee als „normaler“ Arbeitgeber, vergleichbar mit Dax-Konzernen, auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft. Doch dort wird sie nicht ankommen.

 

 

Lukas Fuhr

Soldaten auf die Marktplätze!

Die Bundeswehr gehört in die Mitte der Gesellschaft. Dort muss sie sich auch zeigen dürfen. Soldaten sind bloß Menschen in Uniform, keine Monster.

Wir wollen keine Geheimarmee, keine privaten Söldner. Offiziere müssen deshalb öffentlich ebenso präsent sein wie zum Beispiel Abgeordnete. Beide stehen im Dienst der Allgemeinheit.

Eine öffentlich aktive Bundeswehr ist ein Gebot der Transparenz. Wer dem zustimmt, darf die Bundeswehrsoldaten nicht hinter Kasernentore und Stacheldrahtzäune verbannen. Der muss sich auch Soldaten auf Marktplätzen, bei Volksfesten und sogar in Schulen wünschen.

Nur wer die Bundeswehr kennt, kann sie beurteilen. Nur wer sich in der Schule selbst ein Bild von der Truppe machen konnte, weiß, ob er zum Staatsdienst an der Waffe bereit ist. Wer dagegen die Bundeswehr verdammt, ohne sie zu kennen, urteilt blind.

Seit dem Ende der Wehrpflicht ist unsere Gesellschaft darauf angewiesen, dass sich junge Menschen bewusst dazu entscheiden, zur Truppe zu gehen. Das alte Leitbild vom Staatsbürger in Uniform gilt ja weiterhin. Deshalb muss die Bundeswehr ein Heer der Demokraten bleiben, die aus Überzeugung einen Teil ihres Lebens in der Armee verbringen. Sonst droht eine Armee der Übriggebliebenen und Gescheiterten.

Natürlich, eine öffentliche Armee ist manchmal eine Zumutung. Das liegt in ihrer Natur begründet: Denn man braucht keine Armee für die schönen Dinge des Lebens. Soldaten sind für Krisen da – für Flutkatastrophen im Inland, für humanitäre Katastrophen im Ausland. Soldaten füllen Sandsäcke an der Oder und bohren Brunnen in Afghanistan.

Beides tun sie nur, weil es jemand tun muss. Sonst dauern die Katastrophen an.

Eine öffentliche Armee erinnert unsere Gesellschaft an die nahen und fernen Krisen der Zeit. Ein präsentes Heer kann ein Anlass sein, über diese Krisen nachzudenken. Unsere Gesellschaft kann von solchem Nachdenken nur profitieren.

 

 

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