Das fünfte Gebot

Töten gehört zum Beruf des Soldaten. Doch sind Soldaten deshalb Mörder?
Ein Militärseelsorger antwortet.

Von Christine Bödicker, Laura Díaz Rudilla und Ursula Ohliger

Krieg statt Kirche: Jochen Folz betreut als Militärseelsorger deutsche Soldaten an der Front. In der Heimat lehrt er an der Bundeswehruniversität in Neubiberg bei München. Vor drei Jahren reiste der 43-jährige Pfarrer mit deutschen Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan, gerade ist er von einem zweimonatigen Einsatz an der türkisch-syrischen Grenze zurückgekehrt. Ein Gespräch über Tod, Glauben und fehlende Anerkennung.

 

Sie sind oft in Krisengebieten. Tragen Sie da eine Waffe?

Nein, nur eine Schutzweste.

Warum keine Waffe?

Weil andere für meine Sicherheit sorgen. Außerdem setze ich als Priester damit ein Zeichen: Konflikte sollten eigentlich ohne Waffengewalt gelöst werden.

Würden Sie bei einem Angriff zur Waffe greifen?

Ja, definitiv ja.

Das heißt, Sie würden auch schießen?

Ja, um das Leben meiner Kameraden und mein eigenes zu schützen.

Auch töten?

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich würde nicht bewusst töten wollen und alles dafür tun, um nicht in diese Situation zu geraten.

Sind sie denn geübt an der Waffe?

Ich habe zumindest eine Schießausbildung durchlaufen, auch wenn wir Militärgeistliche nicht dazu verpflichtet sind. Ich kann zwar keine Waffe in Sekunden auseinander- und wieder zusammenbauen, aber ich weiß, wie das Ding funktioniert.

Warum arbeiten Sie als Militärseelsorger?

Mich fasziniert, dass es dabei um Wesentliches, um das Existenzielle im Leben geht. Man ist bei einem Auslandseinsatz mittendrin, auch im geopolitischen Sinn. Die Militärseelsorge ermöglicht eine sehr unkomplizierte und vor allem direkte Arbeitsweise mit ganz unterschiedlichen Aspekten  bis hin zu Auslandseinsätzen. Für viele Soldaten ist es oft die erste Begegnung mit einem Geistlichen und sie fragen sich, was denn ein Pfarrer überhaupt macht.

Und was macht ein Pfarrer dort?

Beim Pfarrer kann jeder vorbeikommen, ohne sich anmelden zu müssen. Die Militärseelsorge hat im Feldlager ein Büro. Es ist generell sehr einfach, mit uns in Kontakt zu kommen. Überall gibt es Möglichkeiten für Gespräche mit den Soldaten und Themen finden sich immer schnell. Im Feldlager gibt es auch immer einen Raum der Stille, in dem wir regelmäßig Gottesdienste anbieten. Ansonsten ist man als Seelsorger ein Teil des Ganzen: Man isst gemeinsam mit den Kameraden, sieht sich bei Besprechungen. Wir haben auch zusammen die Weltmeisterschaft geschaut.


Welche Sorgen und Ängste haben die Soldaten, die zu Ihnen kommen?

Oft sind es Alltagsprobleme im Dienst, Schwierigkeiten mit den Partnern oder den Kameraden. Manchmal kommt es aber auch zu klassischen Sinnfragen. Viele der Soldaten, die kirchlich sozialisiert wurden, haben im Laufe der Zeit den Bezug zum Glauben verloren. Wir reden dann über den Stellenwert, den die Religion im eigenen Leben noch besitzt. Einige der Soldaten kommen auch zu mir, weil sie Ängste haben, über die sie sprechen wollen. Ich erinnere mich da an einen jungen Soldaten in Afghanistan. Die Sicherheitslage war sehr angespannt und er war an einem Außenposten eingesetzt. Trotz jahrelanger Einsatzerfahrung hatte dieser Soldat große Angst um sein Leben, dies hat ihn sehr belastet. Wir haben dann für ihn eine neue Aufgabe im Feldlager gefunden.

Und dort ist es sicherer?

Natürlich gibt es auch Bedrohungsszenarien, bei denen das Lager unter Beschuss steht oder sogenannte „Schläfer“ unter den Ortskräften sind, die Übergriffe planen und durchführen. Dennoch ist es im Vergleich zu den Außeneinsätzen relativ sicher. Es ist nur ein Teil, der wirklich hinausfährt und einer unmittelbaren Gefahr ausgesetzt ist.

Haben die Soldaten denn mehr Angst, getötet zu werden oder selbst zu töten?

Die Angst vor dem eigenen Tod ist durchaus präsenter.

Sprechen Soldaten mit Ihnen über den Tod?

Ja, auch das ist ein Thema, auch wenn es nicht so oft thematisiert wird. Denn wenn ein Soldat ständig an die Gefahr und an den Tod denkt, ist er nicht mehr handlungsfähig. Bei einem Einsatz musste ich auf der Fahrt den Störsender bedienen, der verhindert, dass elektronisch gezündete Minen hochgehen. Klar wusste ich, wie gefährlich die Situation ist, dass wir sterben könnten. Doch man lernt, mit solchen Gefahrensituationen umzugehen. Man hört auf, permanent daran zu denken.

Hört man auch auf, darüber zu sprechen?

Es gibt unter den Soldaten eine starke Erinnerungskultur. Ich habe erlebt, wie in Afghanistan eine Jahresgedächtnisfeier für die Soldaten gehalten wurde, die in Kabul bei einem Busanschlag gefallen sind. Ein Gedenkstein erinnert dort an den Verlust der Kameraden. Ihr Tod ist dadurch immer präsent.

Im Krieg fallen nicht nur die eigenen Soldaten. Gehört Töten zum Selbstverständnis eines Soldaten?

Der Soldatenberuf verlangt dem Einzelnen ein hohes Berufsethos ab, vor allem wegen der möglichen Gefährdung und der großen Verantwortung. Die Soldaten lassen sich in die Pflicht nehmen, für die Menschenrechte in dieser Welt einzustehen. Das ist eine sehr idealistische Auffassung. Sie sind dafür bereit, das eigene Leben einzusetzen.

Und anderen das Leben zu nehmen. Gilt das fünfte Gebot „Du sollst nicht töten“ im Krieg nicht?

Die richtige und bessere Übersetzung vom Urtext lautet: Du sollst nicht morden. Und darin liegt der qualitative Unterschied, den ja auch das deutsche Strafrecht kennt. Wenn sich ein Soldat verteidigt, dann ist das kein Mord.

Soldaten sind keine Mörder?

Nein, selbstverständlich nicht. Es tötet kein Soldat aus niederen Beweggründen. Und ich denke, wir in Deutschland sollten nicht vergessen, dass wir mit Waffengewalt von einer Diktatur befreit worden sind.

Und wenn ein Soldat mit einem schlechten Gewissen zu Ihnen kommt, weil er im Gefecht jemanden verletzt oder getötet hat?

Nun, zunächst höre ich zu und versuche, den Soldaten mit seinem Anliegen zu verstehen. Gegebenenfalls werde ich aber auch den Unterschied bei der Wertung soldatischen Handelns erklären. Das Töten im Krieg ist streng genommen keine Sünde.

Welche Rolle spielt Religion für die Soldaten im Einsatzgebiet?

Das ist sehr unterschiedlich, die Bundeswehr ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Die Mehrheit ist konfessionslos, dennoch wird die Militärseelsorge vor allem im Einsatz als etwas Beständiges erfahren, das Heimat bietet. Wir schaffen Möglichkeiten, um Feste wie Weihnachten und Ostern fernab der Familie erleben zu können. Daher ist die Militärseelsorge ein fester Anlaufpunkt, der viele zusammenbringt. Der Gottesdienst gilt im Einsatz als etwas sehr gemeinschaftsstiftendes.

Gibt es Soldaten anderer Religionen?

Wenig. Wenn jemand konfessionell gebunden ist, dann meist evangelisch oder katholisch. Es gibt aber auch muslimische Soldaten, für die wir ebenfalls zuständig sind. In Afghanistan war ich bei einem Imam der Nationalarmee, um zu besprechen, wie wir verfahren, falls ein deutscher Soldat muslimischen Glaubens fallen würde. Wir hätten einen anderen muslimischen Soldaten gebeten, das Totengebet zu sprechen.

Dort bereitet sich die Bundeswehr auf mögliche Todesfälle vor, hier wird sie kritisiert. Fühlen sich die Soldaten ungerecht behandelt?

Ja, definitiv. Der Soldatenberuf hat bei uns in Deutschland geschichtsbedingt einen anderen Stellenwert als in den USA, wo das Militär in die Gesellschaft integriert und sogar privilegiert ist. Es ist immer leicht, auf dem Sofa im Wohnzimmer mit der Fernbedienung in der Hand zu urteilen, ohne wirklich jemals selbst in so einer akuten Bedrohungssituation gewesen zu sein.

Erfahren die Soldaten auch persönlich Ablehnung?

Mir erzählen immer wieder Soldaten, dass sie beleidigt werden. Wenn sie in Uniform übers Wochenende nach Hause fahren, werden sie manchmal als „Mörder“ oder „Nazis“ beschimpft. Wichtig ist aber, dass ein Soldat ein Selbstbewusstsein entwickelt, das andere von der Bedeutung ihres Dienstes überzeugt.


Woher kommen diese Vorurteile?

Das hängt immer von der aktuellen gesellschaftlichen Situation ab. Einmal wird die Arbeit der Bundeswehr geschätzt, dann wird die gesamte Institution wieder in Frage gestellt. Diese Debatten gab es bereits bei der Wiederbewaffnung und schließlich vor allem im Zuge der 68er-Bewegung. Aber natürlich erfahren die Soldaten auch Wertschätzung: Denken wir an die Hochwasserkatastrophen, wenn die Bundeswehr an vorderster Front gegen die Wassermassen kämpft.

Wünschen sich die Soldaten denn mehr gesellschaftliche Anerkennung?

Es geht nicht unbedingt um Anerkennung. Es ist eher entscheidend, dass das Militär auch in Deutschland etwas Selbstverständliches wäre. Dass die Notwendigkeit der Bundeswehr klar gesehen wird.

Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Margot Käßmann, stellt diese Notwendigkeit in Frage.

Davon grenze ich mich klar ab. Der nüchterne Menschenverstand sowie die ganze Weltgeschichte lehren die Notwendigkeit, als freiheitlicher Staat auch militärisch reagieren zu können. Es ist eine Utopie, wenn man meint, ein moderner Staat könnte auf entsprechend ausgerüstetes und gut ausgebildetes Militär verzichten.

 

Fotos: Laura Díaz

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