Kameraden gesucht

Seit die Armee aus Freiwilligen besteht, muss die Bundeswehr um die Jugend werben.
Das tut sie mit neuen Millionenetats – und fragwürdigen Mitteln.

Von Christine Bödicker, Carolin Henkenberens und Lisa Philippen

Johannes hält den Heliumballon fest in der Hand. Der Neunjährige ist nervös, gerade hat der Mann in der blauen Uniform den ersten Zettel aus einem gläsernen Gewinnspielkasten gezogen. Johannes schielt auf einen tarnfarbenen Rucksack: „Der wäre schon cool.“

Draußen vor dem Zelt werden Traktoren und Küchenwundermaschinen laut beworben. Menschen in Trachten kommen vom Gäubodenfest, dem Volksfest nebenan und drängen sich zwischen Putzpastenverkäufern und Holzofenhändlern. Gleich daneben: Aufklärungspanzer „Fennek“.  Wer will, darf in das grün-braune Gefährt hineinklettern. Den Kindern gefällt das. Als Erinnerungsstück liegen Poster vom „Fennek“ bereit. Auf deren Rückseite klebt eine Postkarte, mit der sich Infomaterial bestellen lässt.

Die Bundeswehr verlost an ihrem Stand auf der Gewerbeschau Trinkflaschen, Armbanduhren und Taschen mit ihrem Bundeswehrlogo. Die Gewinne sind unspektakulär, aber das Prinzip funktioniert. Die Leute bleiben stehen. Johannes hat kein Glück. Kein Rucksack. Kein Taschenmesser. Nur die Erinnerung an „Fennek“. Der Mann in der blauen Uniform heißt Hauptmann Thomas Welschhoff. Er sagt: „Wir wollen neue Wege gehen“. Auf Messen wie der im niederbayerischen Straubing wirbt die Bundeswehr um Nachwuchs. Den Erstkontakt herstellen, heißt das in der Pressestelle.

Solche Auftritte sind für die Bundeswehr mittlerweile wichtiger denn je. Seit im Juli 2011 die Wehrpflicht ausgesetzt wurde, konkurriert sie mit der freien Wirtschaft um Personal. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) spricht von einem „harten Wettbewerb um den Nachwuchs“. Die Bundeswehr muss jedes Jahr 15.000 neue Berufs- und Zeitsoldaten gewinnen. Hinzu kommen etwa 5000 freiwillig Wehrdienstleistende. Von der Leyen peilt künftig eine jährliche Bewerberzahl von 60.000 Personen an. Schon jetzt herrscht ein Mangel an IT- und Sanitätskräften, Maschinenbauern, Gebirgsjägern und Kampfschwimmern. „Die Probleme gehen für die Bundeswehr erst richtig los“,  sagt der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hellmut Königshaus. Er prognostiziert, dass es Jahr für Jahr schwieriger werden wird, Nachwuchs für die Bundeswehr zu finden.

Deshalb geht das deutsche Militär in die Werbeoffensive. Die Ausgaben für Werbung haben sich in zwei Jahren mehr als verdoppelt.

Ausgaben für Werbung 2011

Ausgaben für Werbung im Jahr 2012 - nach Ende der Wehrpflicht

Doch einige der Werbemaßnahmen stoßen auf Kritik, denn nicht selten richten sie sich an Minderjährige. Als „Mega Team-Challenge“ bewirbt die Bundeswehr zum Beispiel so genannte „Adventure Camps“ – ein Kurzurlaub für Jugendliche zwischen 16 und 19 Jahren auf einem Militärstützpunkt. In einer groß angelegten Anzeigenkampagne in der Zeitschrift „Bravo“ hat die Bundeswehr für Ende August zum zweiten Mal seit 2012 Jugendliche nach Sardinien eingeladen. Ein drittes Adventure Camp fand im Februar in den Chiemgauer Alpen statt. Auf der Website heißt es: „Im Bw-Adventure Camp kannst du bei Action, Sport und Abenteuer zeigen, was in dir steckt.“ Das Camp verspricht sechs Tage Teamgeist und körperliche Herausforderungen, nebenbei informiert die Bundeswehr über sich.

Für Kinderschutzverbände geht das zu weit. „Die Werbung erweckt den Eindruck von Urlaub, Sommer, Sonne und Spaß. Das hat nichts mit der Realität von Bundeswehrsoldaten zu tun“, sagt Antje Weber von der Kindernothilfe. Minderjährige seien generell von militärischer Werbung zu verschonen. Die Kindernothilfe hat gemeinsam mit Terre des Hommes und der Aktion Weißes Friedensband zu einem Protest gegen die Camps aufgerufen.

 

Fließende Grenze zwischen Information und Rekrutierung

 

Scharfe Kritik kommt auch von den Grünen und der Linkspartei. Für die innenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Linken, Ulla Jelpke, ist die Kampagne der Adventure Camps irreführend: „Das Kerngeschäft der Bundeswehr, das Töten und getötet werden, kommt nicht zur Sprache.“ Ähnlich sieht es die jugendpolitische Sprecherin der Grünen, Beate Walter-Rosenheimer. Ihr fehlen „klare Hinweise“ auf die speziellen Eigenheiten des Soldatenberufs.

Immer wieder steht die Werbung der Bundeswehr in der Kritik, weil die Grenzen zwischen reiner Information und Anwerbung von Jugendlichen fließend sind, verstärkt allerdings seit Beginn der Werbeoffensive. In einem Fraktionsbeschluss haben die Grünen generelle Leitlinien für die Rekrutierungsarbeit der Bundeswehr gefordert. Information und Nachwuchswerbung müssten strikt getrennt werden: „Einseitige Hochglanzbilder im Stil eines Abenteuer-Films und sachfremde Veranstaltungen mit Eventcharakter, wie Sport- und Musikwettbewerbe, sind nicht im Sinne einer ehrlichen und transparenten Kommunikation nach außen.“

Wie ausgewogen berichtet ein Soldat über Auslandseinsätze? Diese Frage stellen Kritiker der Jugendoffiziere, die an Schulen Unterrichtseinheiten zur Bundeswehr übernehmen. Elternverbände bemängeln die Vorträge der Jugendoffiziere als einseitig. Als ausgleichendes Element soll eigentlich der Lehrer da sein. „Es müssten auch Menschen aus der Friedensbewegung Zugang zu den Schülern bekommen“, sagt ein Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Die Schüler hätten keine Chance, sich dem Jugendoffizier zu entziehen, da der Unterricht verpflichtend sei. Die Kampagne “Schulfrei für die Bundeswehr” protestiert seit Jahren gegen Jugendoffiziere an Bildungseinrichtungen. In acht Bundesländern hat die Bundeswehr dazu mit den Kultusministerien Vereinbarungen abgeschlossen.

Die Bundeswehr kennt die Kritik und verweist auf den reinen Informationscharakter vieler Jugendevents. „Das Ziel dieser Veranstaltungen ist es, einen ersten Einblick in die Bundeswehr zu geben, nicht die Nachwuchsanwerbung“, erklärt Fregattenkapitän Johannes Dumrese. Er leitet das Referat Personalmarketing und Beratung in der Behörde für das Personalmanagement der Bundeswehr. Natürlich, sagt Dumrese, Werbung für die Bundeswehr – für den Soldatenberuf – sei immer heikel. „Wir sind eben kein normales Unternehmen, das ist eine ethische Frage.“ Er gibt jedoch zu, dass seit 2011 klassische Öffentlichkeitsarbeit und Personalwerbung vermischt würden. Wenn er über die neue Marketing- und Personalstrategie der Bundeswehr spricht, nennt er das „Employer Branding“ – den Arbeitgeber zu einer Marke machen.

 

285.000 Euro für ein Abenteuer-Camp

 

Dazu gehört der Slogan „Karriere mit Zukunft“. Spots im Kino und Fernsehen, ein Info-Truck, der 30 Innenstädte abklappert, Sportevents, Schnuppertage in der Kaserne und bei der Marine: Der Aufwand ist groß, doch nicht immer von Erfolg gekrönt. 2011 verschickte die Bundeswehr mehr als 165.000 Briefe an Jugendliche und warb für ihren Freiwilligen Wehrdienst. Gerade einmal vier Prozent antworteten.  Für das Adventure Camp in den Alpen interessierten sich deutschlandweit nur 193 Jugendliche – obwohl es für die Teilnehmer nichts kostet. Die Kosten für die Bundeswehr waren hingegen enorm: 285.000 Euro, wie eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linkspartei ergeben hat.

Wenn die Werbung wirkt, landen die Interessenten früher oder später in einem der acht Karrierecenter. Damals hießen die noch Kreiswehrersatzämter. Am Empfang im Karrierecenter München begrüßt eine junge Frau mit Piercing, weist den langen Flur entlang zum Büro des Beraters Thomas Kaufmann. Ihm gegenüber sitzt Michael Bauer. Er will als Zeitsoldat für vier Jahre zur Pioniertruppe. Dazu muss er einen Sporttest bestehen und ein Gespräch mit einem Psychologen führen. Michael fühlt sich gut informiert, für ihn ist die Bundeswehr eine bewusste Wahl. Michael sagt, ihn schrecke das Kämpfen nicht ab. „Ich warne die Leute immer vor, dass sie sich auf einen Auslandseinsatz gefasst machen müssen“, sagt Kaufmann.

1.000 Bewerbungen ist die Zielvorgabe für die Münchner Karriereberater in diesem Jahr. „Das werden wir nicht schaffen“, sagt Kaufmann. 750 hält er für realistisch. Damit kein Bewerber durchrutscht, fragt er Michael, ob er sich auch eine andere Position vorstellen könnte, wenn das mit der Pioniertruppe nicht klappt. Doch das muss sich der junge Mann noch einmal überlegen.

Dirk Klages leitet im Karrierecenter München die Abteilung Werbung. Nach 2011 wurde das Personal von einem auf drei Mitarbeiter aufgestockt. „Wir versuchen innovativ zu sein“, sagt Klages. So gut es eben geht. Denn selbst die peppigste Werbung für ein Abenteuercamp kann nicht die Empfehlung aus dem Familien- oder Freundeskreis ersetzen. „Häufig war schon der Vater oder Bruder der Bewerber bei der Bundeswehr“, sagt Klages. „Wir wollen künftig jedem ein Angebot machen können.“ Das klingt fast so, als sei die Bundeswehr bereit, jeden zu nehmen.

 

Fotos: Lisa Philippen und Carolin Henkenberens




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