Im Männerland

In der Bevölkerung gilt die Bundeswehr als Macholaden, in dem es alle schwer haben, die nicht männlich, weiß und hetero sind. Stimmt das? Frauen, Migranten und Homosexuelle berichten.

Von Julia V. Bewerunge

Homosexuelle in der Bundeswehr

Marcus Otto ist das Getuschel hinter seinem Rücken mittlerweile egal. Er ist gern bei der Bundeswehr. Von Anfang an war er hier gern. Er ist überzeugt davon, dass er für eine gute Sache arbeitet. 2003 kam er zum Bund. Damals wusste er selbst noch nicht so genau, dass er schwul ist. Bis zu seinem Coming Out sollten noch viele Jahre vergehen.

Am Anfang hat er sich in Arbeit gestürzt. Marcus Otto kannte keinen Kameraden, der sein Schwul-Sein offen lebte und dem er sich hätte anvertrauen können. Auch auf seiner Stube war dafür kein Raum: “Bei sechs bis acht Personen auf einem Zimmer bekommt man alles mit, was über einen gesagt wird.” Er hatte furchtbare Angst, sein Geheimnis preiszugeben.

Einer Bundeswehrpsychologin vertraute er sich schließlich an. Sie verwies ihn zu einem Verein, der sich auf dieses Thema spezialisiert hatte, den “Arbeitskreis Homosexueller Angehöriger der Bundeswehr” (Ahsab). Dort fand er den nötigen Rückhalt – und konnte sich outen. Erst bei seinen Freunden zuhause, dann bei seinen engsten Kameraden und Kommilitonen an der Universität der Bundeswehr in München.

“Hätte ich diese Gespräche nicht gehabt, hätte ich mich wahrscheinlich nie geoutet”, sagt er. Danach hatte er keine Probleme mehr: “Es gab ein paar, die ein, zwei Monate brauchten, um sich daran zu gewöhnen, aber dann war das Verhältnis oft enger als zuvor.”

Bevor Marcus Otto sich in der Bundeswehr outete, sah die Lage noch ganz anders aus.  “Während des Kalten Krieges galt man als Schwuler als Sicherheitsrisiko durch die angenommene Erpressbarkeit”, sagt Jens Schadendorf, Diversity-Forscher an der TU München. So erklärt sich der Autor von “Der Regenbogenfaktor” und selbst ehemaliger Wehrdienstleistender den Karrierausschluss von Homosexuellen. Wenn rauskam, dass einer der Soldaten schwul war, wurde er in den Staatsdienst abgeschoben, denn in den 80er Jahren hatten viele Homosexuelle noch Scheinfamilien, durch die sie erpressbar waren. In konkreten Fällen wurde von Gegnern der Nato verlangt, dass deutsche Soldaten Informationen gegen Schweigen tauschten. Mittlerweile habe sich diese Problematik laut Schadendorf verbessert. Durch die Zulassung von Frauen und einem Wandel im gesellschaftlichen Wertesystem gegenüber Homosexuellen, der sich auch in Gesetzen widerspiegelt, habe sich schon einiges getan.

“Seit 2007 wurden keine gravierenden Übergriffe auf Homosexuelle in der Bundeswehr mehr an Ahsab gemeldet und kamen auch nicht mehr im Bericht des Wehrbeauftragten vor”, sagt Otto, der mittlerweile sogar im Vorstand des Vereins ist. Zudem könne sich jeder Soldat an den Wehrbeauftragten im Bundesministerium für Verteidigung wenden, wenn es doch mal Probleme gebe. Auch Ahsab steht hilfreich zur Seite: Über eine kostenfreie Rufnummer können sich sowohl Homosexuelle, als auch ihre Vorgesetzten beraten lassen. “Es gibt immer wieder Anrufe, weil sich jemand wegen seiner Homosexualität in seiner Laufbahn benachteiligt sieht, doch das ist eigentlich nicht mehr häufig der Fall”, sagt Otto.

Frauen in der Bundeswehr

Berufssoldatinnen

Freiwillige Wehrdienstleistende (weiblich)

Frauen in der Bundeswehr

“Willst du jetzt wirklich Kugelfangen lernen?”, wurde Amanda Mittermaier gefragt als sie sich für den Freiwilligen Wehrdienst meldete. Ihre Familie wollte sie davon abhalten, zur Bundeswehr zu gehen. Weil sie Angst um sie hatte. Aber nicht weil sie eine Frau ist. “Das hat keine Rolle gespielt“, sagt die 19-Jährige. Sie wollte einfach von den Strukturen der Bundeswehr profitieren und Disziplin lernen. Damit hat sie ihre Familie überzeugt. Sie selbst hat nie geglaubt, dass ihr Geschlecht eine Rolle spielen wird. Und so hat sie es dann auch erlebt: “In unserer Ausbildung haben wir schnell gelernt, dass wir nur weiterkommen, wenn wir gemeinsam arbeiten.“ Deshalb, so sagt sie, habe ihr Frau-Sein nie ein Problem dargestellt: “Es waren alle sehr lieb”.

Doch so positiv wie für Amanda Mittermaier ist die Zeit bei der Bundeswehr nicht für alle Soldatinnen. Mehr als jede zweite Frau in der Bundeswehr hat selbst schon sexuelle Belästigung erfahren, jeder zweite Mann glaubt, Frauen seien den körperlich anspruchsvollen Funktionen der Bundeswehr nicht gewachsen. Das ergab eine Untersuchung des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw).

Auch in den Berichten des Wehrbeauftragten lassen sich zahlreiche Probleme finden, mit denen Frauen zu kämpfen haben. Soldatinnen würden diskriminiert, gemobbt und sexuell belästigt, heißt es dort. Ein Beispiel für die Diskriminierung: In der Bundeswehr gibt es Bereiche, in denen Männer mit Dienstgrad und Nachnamen angesprochen werden, während bei Frauen nur der Nachname benutzt wird. Und natürlich haben Frauen noch nicht die Aufstiegsmöglichkeiten, die die Männer beim Bund haben.

Viel dramatischer ist aber die Zahl der sexuellen Übergriffe: Fast 60 Prozent aller Frauen bei der Bundeswehr sind schon mindestens einmal sexuell belästigt worden. Büroräume mit pornographischen Darstellungen, Vorgesetzte, die Urlaubsanträge mit sexuellen Forderungen verknüpfen. Und immer wieder kam es vor, dass Männer in den Schlafraum von Frauen eindrangen, sich auf sie legten und nicht von ihnen abließen – bis hin zur Vergewaltigung. Besonders problematisch ist die räumliche Nähe in der Kaserne und bei Auslandseinsätzen. Viele Frauen haben Angst, Übergriffe zu melden. Weil sie Angst davor haben, unter den Kameraden als illoyal dazustehen – und ihre beruflichen Zukunft zu riskieren.


Ahsab e.V.

Der Arbeitskreis Homosexueller Angehöriger der Bundeswehr wurde vor 12 Jahren gegründet. Neben einer Beratungshotline für Homosexuelle und ihre Führungskräfte, bieten sie wöchentliche Treffen und Austausch der Mitglieder. Gemeinsam mit der Bundeswehr Universität in Hamburg planen sie seit Neustem auch Diversity-Seminare für Führungskräfte.

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Deutsche mit Migrationshintergrund in der Bundeswehr

Johann Lutterodt lebte bis zu seinem 17. Lebensjahr in Ghana, wo er geboren wurde und aufgewachsen ist. Dann zog er nach Deutschland – das Heimtland seiner Mutter. Als er nach seinem Schulabschluss hierher kam, wollte er studieren und begann deshalb das auf das Studium vorbereitende Studienkolleg. Kurz darauf erreichte ihn der Musterungsbescheid der Bundeswehr. Sechs Monate später war er in der Grundausbildung in der Kaserne. Die Ausbildung war hart: “Ich wurde viel angeschrien, aber das Leben in der Kaserne war interessant.”

Johann Lutterodt hat sich bei der Bundeswehr immer wohlgefühlt. Bei der dreimonatigen Grundausbildung genauso wie während der sechs Monate im Zentrum für Aus- und Weiterbildung. Ihm hat es so gut gefallen, dass er gleich verlängert hat. Dass er aus Ghana kommt, sieht man ihm zwar an, doch deswegen beleidigt oder gemobbt hat ihn niemand. “Wir waren gerade in der Grundausbildung sogar mehr Leute mit Migrationshintergrund als Deutsche ohne ausländische Eltern. Es gab welche aus dem Kosovo, Kuba und Afghanistan.”

Laut dem bundeswehrnahen Verein “Deutscher Soldat e.V.” komme es generell kaum zu Verstößen gegen Deutsche mit Migrationshintergrund. In den Medien dargestellte Übergriffe würden häufig missverstanden oder aufgeblasen, wie 2013 der Fall um das Schnellboot Hermelin. Dem Vorgesetzten schrieben Besatzungsmitglieder “Hier wohnen die Mongos” auf ein Bein, nachdem sie ihn gefesselt hatten. Statt einer rassistischen Beleidigung handelte es sich hier aber um ein Zitat des Opfers selbst.

Dennoch lässt sich der Rassismusvorwurf nicht ganz aus der Welt schaffen. Rechtsextremistische Vorfälle gibt es immer wieder. So haben im vergangenen Jahr zehn Soldaten menschenverachtende, rassistische, antisemitische, beleidigende und gewaltandrohende Inhalte in Wort und Bild auf WhatsApp miteinander ausgetauscht. Auch der Hitlergruß kommt mehrfach als Vergehen im Bericht des Wehrbeauftragten vor.

Migranten

In der Bundeswehr sind 14 Prozent Deutsche mit Migrationshintergrund. Der Bund legt nach eigenen Angaben großen Wert auf Respekt und Toleranz. Zum Beispiel würde darauf geachtet, dass Muslime ihre Gebetszeiten einhalten können. Kopftücher seien aber nicht gestattet. 

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