Heimatfronten

Die Wehrpflicht ist abgeschafft, das Motiv vom Bürger in Uniform verblasst: Deutschland entfremdet sich von seiner Truppe – jetzt muss die Bundeswehr um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen.

 Von Lukas Fuhr und Pia Ratzesberger

Der wichtigste Einsatz der Bundeswehr ist nicht der in Afghanistan, nicht der in der Türkei – sondern der zuhause: zwischen Flensburg und Bad Reichenhall, zwischen Aachen und Cottbus. Deutschland entfremdet sich von seiner Truppe. Die Wehrpflicht ist abgeschafft, Soldaten leiden unter ihrem geringen Ansehen und die Politik plant eine Bundeswehrreform nach der anderen.

Früher mussten junge Männer mindestens zur Musterung, heute verlässt zum ersten Mal eine Generation die Schulen, die nie mit der Bundeswehr in Berührung kommt – wenn sie nicht will. Die über Jahrzehnte gewachsene Verbindung zwischen Gesellschaft und Armee ist gekappt, das Motiv vom Staatsbürger in Uniform verblasst. Die Bundeswehr droht zur Parallelgesellschaft zu werden.

Auch, weil sich das Bild des Soldaten gewandelt hat. Früher war er der Beschützer des Staates, heute können sich die meisten Bürger nur noch an Friedenszeiten erinnern. Ohne Bedrohung von außen ist eine Armee für viele überflüssig geworden. Wozu braucht Deutschland noch Truppen, wenn nicht mal mehr die Grenzen bewacht werden?

Natürlich kämpft die Bundeswehr in anderen Ländern. Aber dass sie zum Beispiel am Hindukusch die Sicherheit Deutschlands verteidigt, daran glauben nicht viele. Das Engagement in Krisenregionen macht die Arbeit für die Bundeswehr gefährlich: Wer dient, muss im Ernstfall töten oder wird selbst getötet. Das unterscheidet das Militär von anderen Arbeitgebern. Vielleicht fehlt auch deshalb qualifizierter Nachwuchs. Die Bundeswehr hat ein Imageproblem. Und muss das jetzt angehen.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen will die Bundeswehr zum „attraktivsten Arbeitgeber Deutschlands“ aufpolieren. Familie und Truppe sollen kein Widerspruch mehr sein; die Klügsten sollen nicht mehr zu Boston Consulting und McKinsey gehen, sondern zur Panzerbrigade 12 in Amberg. Mit 100 Millionen Euro zusätzlichem Etat verstärkt von der Leyen die Front in der Heimat  wir haben uns dort umgesehen.

  • Im ganzen Land werden immer mehr Standorte der Bundeswehr geschlossen, Kasernen stehen leer. Was geschieht mit den Orten, in denen die Soldaten lange zum Alltag gehörten, wenn die Truppen abgezogen sind?
  • Die Bundeswehr gilt als wenig toleranter Macholaden, in dem es Frauen, Homosexuelle und Ausländer besonders schwer haben. Stimmt das?
  • Da Rekruten fehlen, versucht die Bundeswehr sich mit allen Mitteln für junge Menschen interessant zu machen. Kann das funktionieren? Und was kostet das?
  • Auch heute noch lassen sich manche zum Dienst an der Waffe verpflichten. Was treibt sie an? Fünf Soldaten erzählen.
  • Gegner der Bundeswehr beschimpfen Soldaten als Mörder. Sind sie das wirklich? Ein Militärseelsorger antwortet.
  • Die Armee wirbt in Schulen und auf Marktplätzen. Was spricht für, was spricht gegen eine starke Präsenz der Armee in der Öffentlichkeit? Ein Pro und Kontra.

Die Bundeswehr kämpft mit großem Einsatz um ihren Platz in der Gesellschaft. Dieses Dossier soll bei der Standortbestimmung helfen.

Foto: Bundeswehr/Sebastian Wilke (CC BY-ND 2.0)

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