Der Rückzug

Die Bundeswehr macht immer mehr Stützpunkte dicht. Das verändert nicht nur den Alltag in den Orten, sondern auch das Verhältnis zwischen Armee und Bevölkerung. Eine Spurensuche im bayerischen Hinterland.

Von Lukas Fuhr, Gianna Niewel, Petra Pezelj, Lisa Philippen und Pia Ratzesberger

Noch fünf Jahre gibt Ulrich Guthmann seinem Dorf. Dann werden die Häuser hier unbewohnt, Heidenheim wird eine Ruine sein. Der Metzger steht vor seiner Fleischerei in der Ortsmitte und deutet die Straße hinauf: Dort, das Haus der Witwe, gegenüber lebt eine 77-jährige Frau. Dahinter der Landwirt, 84 Jahre, die Nachbarn ebenfalls schon in Rente. Heidenheim ist alt geworden. Die jungen Soldaten und ihre Familien kommen nicht mehr – seit zehn Jahren ist die Kaserne am Hahnenkamm geschlossen.

Der Standort wurde im Zuge der Bundeswehrreform unter Verteidigungsminister Rudolf Scharping dicht gemacht, genau wie mehr als 50 weitere Standorte in Deutschland. Heute hat die deutsche Armee mehr als 300 Stützpunkte, bis 2022 sollen mehr als 140 davon ihre Tore schließen. Doch wenn die Bundeswehr ihre Truppen abzieht, zieht sie auch Leben aus Dörfern und Städten. Wenn die Soldaten gehen, geht die Verbindung zu den Menschen vor Ort verloren.

In Heidenheim ist Ulrich Guthmann der einzige Metzger, sein früherer Konkurrent hat den Abzug der Bundeswehr nicht überstanden. In dem fränkischen Ort leben etwa 2500 Menschen – die 900 stationierten Soldaten haben das Leben über Jahrzehnte geprägt. In jedem Vorstand, ob im Schützenclub oder Heimatverein, saß mindestens ein Soldat, mehrmals die Woche trugen die jungen Männer ihr Geld in die Dorfkneipen, zu den Vereidigungen fanden große Feste auf dem Marktplatz statt.

Heute blättert der Putz vom ehemaligen Tanzsaal in der Ringstraße, vielen Geschäften erging es ähnlich wie der zweiten Fleischerei: Sie mussten schließen. Am Marktplatz gibt es nur noch einen Bäcker, die Pizzeria ein paar Schritte weiter wird gegen Ende des Jahres zumachen.

 

Angelika Spurny schiebt ihren Enkel im Kinderwagen über die Pflastersteine, ihr Mann war Hausmeister in der früheren Kaserne. „Für den Ort bedeutete die Schließung eigentlich das Ende“, sagt die 54-Jährige und seufzt. Über einen Umzug hat sie nie nachgedacht, ihr Elternhaus steht hier.

Vom Dorf führt ein holpriger Schotterweg zum ehemaligen Militärareal auf dem Hahnenkamm, wo die Soldaten auf 400 Quadratmetern gewohnt und geschossen haben. Manfred Kirchdörfer steht vor der ehemaligen Schießanlage, ein Stacheldrahtzaun trennt ihn von seinem früheren Arbeitsplatz. „Von den Schüssen hat man im Ort kaum etwas gehört, der Wind wehte meistens von Westen“, sagt der 67-Jährige. Kirchdörfer trägt ein grünes T-Shirt, eine grüne Hose, grüne Socken. Er in Uniform, das würde noch immer passen. Kirchdörfer betont, in seiner Militärkluft habe er sich unten im Dorf stets willkommen gefühlt. Die Soldaten waren geachtet. 30 Jahre lang arbeitete er als Stabsfeldwebel für die Bundeswehr, in der Kaserne kümmerte sich Kirchdörfer unter anderem um die Instandhaltung der Panzer. Vor zehn Jahren, als die Truppen Heidenheim verlassen mussten, war er schon in Pension.

Heidenheim ist ein strukturschwacher Ort. Das war er, bevor die Bundeswehr kam – und nun ist er es wieder. Ewald Ziegler war 24 Jahre lang Bürgermeister, bis vergangenen Mai. Er erinnert sich noch gut an die Zeit, als die Soldaten kamen: An die Hoffnung. An den Aufbruch. Damals wurden neue Straßen gebaut, die Dorfkirche saniert und eine Schule eröffnet. Schließlich kamen die Soldaten nicht alleine, sie brachten Frau und Kinder mit.

Als die Kaserne schloss, zogen sie gemeinsam wieder ab.

Jetzt gibt es keinen Grund mehr, in Heidenheim zu investieren. In der sechsten Klasse der Mittelschule sitzen heute gerade einmal zwölf Schüler. „Am meisten gestört hat uns, dass wir von Bund und Land alleine gelassen wurden. Wir hatten uns mehr finanzielle Unterstützung erhofft“, sagt Ziegler. Die Kaserne wird heute größtenteils von einer Heizfirma genutzt: Wo früher Panzer standen, lagern jetzt Holzschnitzel. Dem Dorf hilft das wenig, 60 Mitarbeiter können 900 Soldaten nicht ersetzen.

Heidenheim hat die Bundeswehr verloren. Und die Bundeswehr hat Heidenheim verloren. Der kleine Ort mag der Bundeswehr auf den ersten Blick bedeutungslos erscheinen, doch mit jedem abgezogenen Soldaten werden unzählige Verbindungen gekappt.

Auch in Donauwörth, nur etwa 40 Kilometer südlich von Heidenheim, sind diese Bindungen weggebrochen. Hier ist vor nicht einmal einem halben Jahr der letzte Soldat aus der Alfred-Delp-Kaserne ausgezogen. Doch die Stadt ist mit ihren 18 500 Einwohnern weitaus unabhängiger von der Kaserne als kleine Ortschaften wie Heidenheim: In der Reichsstraße, die quer durch den Ort führt, reihen sich schmucke Fassaden aneinander, in den Cafés sind fast alle Stühle besetzt. „Ab und an kam mal ein junger Soldat bei mir vorbei, um einen Ring zu kaufen“, sagt Ruth Rose, Inhaberin eines Juweliergeschäfts. Das habe aber nicht viel zum Umsatz beigetragen. Fragt man beim Bäcker oder in der Buchhandlung gegenüber, wollen die Verkäufer überhaupt keinen Unterschied bemerkt haben.

Das Kasernengelände ist mit 30 Hektar etwa so groß wie die gesamte Altstadt. Richard Lodermeier, gestreiftes Hemd, bunt gemusterte Krawatte, sitzt in seinem Büro im Rathaus und blättert in Entwürfen eines Architekturbüros. Die Stadt möchte die Kasernen abreißen und neu bebauen. “Dafür müssen wir das Gelände aber erst einmal kaufen, für einen einstelligen Millionenbetrag”, sagt der Leiter des Rechtsamtes. Er träumt von hochwertigen Wohnungen und Einfamilienhäusern für Ingenieure. Dabei muss die Stadt eigentlich Schulden abbauen. „Aber brachliegendes Land gleich auf der anderen Flussseite will keiner.“ Gerade, weil Donauwörth sich so viel Mühe gibt, einen guten Eindruck zu machen.

Wer wissen will, welche Leerstellen die Bundeswehr hinterlassen hat, darf nicht im Stadtkern suchen. An einer geschlossenen Wirtschaft vorbei, an Reihenhäusern entlang den Berg hinauf, dort oben betreibt Franz Oberholzner noch immer seine Tankstelle. Cola und Zigaretten verkauft er seit dem endgültigen Abzug der Soldaten deutlich seltener, die Kaserne lag direkt gegenüber.

 „Ich merke es am Umsatz“, sagt der 83-Jährige. Manche Kampffahrzeuge hätten knapp 1000 Liter Benzin geschluckt, jetzt halten nur noch PKWs. Oberholzner trauert nicht nur dem Geld nach, er vermisst auch die Gespräche an der Ladentheke. Ein nettes Wort am Morgen, eine Frage nach dem Tag. Die Bundeswehr hat über den Stacheldraht hinweg ihre Bande geknüpft.

In der Nähe von Tankstelle und Kaserne schließt ein Mann gerade sein Auto ab, er war 40 Jahre lang Verwaltungsbearbeiter in der Alfred-Delp-Kaserne. „Mein ganzes Leben habe ich dafür gesorgt, dass hier alles gut läuft und war stolz darauf. Jetzt verkommen diese Gebäude und man fühlt sich entbehrlich“, sagt der 74-Jährige.

Am Tor, erzählt er, habe einmal eine krüppelige Fichte gestanden, die abgeholzt werden sollte. Er setzte sich für ihren Erhalt ein, später schmückten die Truppen sie zu jedem Weihnachtsfest. Heute ist die Fichte gefällt. „Das tut weh“, sagt er.

 

Diese Standorte der Bundeswehr schließen bis 2022.

Als im nahe gelegenen Heidenheim vor zehn Jahren die Kaserne dicht machte, brachte der Mann die Munitionskästen von dort noch für die Truppen nach Donauwörth. Heute braucht die auch hier niemand mehr. Das Schild am Eingang ist längst abgeschraubt, das Gras wuchert kniehoch. Die Bundeswehr ist abgezogen.

 

Videos/Fotos: Lukas Fuhr, Gianna Niewel, Petra Pezelj, Lisa Philippen, Stadtarchiv Donauwörth

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